Denker für Morgen

Vor einigen Wochen wurde ich von einer neuen Initiative mit dem nicht gerade tief-stapelnden Titel “Denker für Morgen” gefragt, ob ich Lust – nun ja, auf’s gemeinsame Denken habe. Es geht darum, in einem bunt zusammengestellten Kreis von unter 40-Jährigen aus verschiedenen Disziplinen und “Akademischen Graden” Ideen für einen neuen Gesellschaftsvertrag zu entwickeln. Ein weiterer Think Tank (auch wenn er das natürlich nicht sein will) – und dann auch noch gestartet von einer politisch eingefärbten Stiftung: ich bin zugegebenermaßen skeptisch. Kann man überhaupt “Für morgen Denken”? Und wenn ich mich in einigen Institutionen und Konzernen so umschaue, vermute ich fast: wir sollten erst mal ein Programm “Denker für Heute” starten…

Aber wie Guiseppe Mazzini einst so schön sagte “Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen”. Also werde ich nächste Woche eine Stippvisite nach Italien unternehmen, wo sich dieser “Denker für Morgen”-Zirkel das erste mal trifft und mich – kritisch, aber positiv – am Denken für Morgen in dieser Konstellation versuchen.

Im Vorfeld wurden mir 4 groß dimensionierte Fragen gestellt. Da ich vom Denken im stillen Kämmerlein nicht so viel halte, hier auch gleich meine Antworten:

Welches sind aus Ihrer Sicht auf die Bundesrepublik und ihre Gesellschaft jene Themenfelder, die das globalisierte Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten maßgeblich prägen werden?

Hier stehen für mich auf der einen Seite die bereits breitflächig diskutierten Fragen: Wie sieht eine moderne Integrationspolitik aus, die dem demographischen Wandel entgegenwirkt? Wie nutzen wir sinnvoll die Erfahrungen und Ambitionen bereits pensionierter Menschen? Wie bauen wir unser Bildungssystem vom inhalts-getriebenen Fastfood-Restaurant zum methodik-vermittelnden Möglichkeiten-Buffet um? Wie können wir in unserer Gesellschaft nicht nur Corporate Social Responsibility sondern auch Individual Social Responsibility fordern und fördern?

Auf der anderen Seite müssen wir bei der zunehmenden Globalisierung auch Antworten finden auf Fragen, die sich momentan noch weitgehend unter dem medialen Radar befinden:
Wie gehen wir mit den stärker werdenden Impulsen alternativer Währungssystem um? Wenn sich die Bürger zunehmend in global vernetzten Communities und weniger in geographisch verortbaren Kulturen zu Hause fühlen, wie können wir dann als Republik noch ein positives Heimatgefühl kreieren? Wie schaffen es die hiesigen Parteien, dass sie den Anschluss an die im Internet neu entstehenden alternativen Denk- und Handlungsräume für Handel, Copyright, Bildung, Kirche, soziale Absicherungssysteme etc. nicht verlieren um auch langfristig ihre Existenz abzusichern? Wie können wir attraktivere Rahmenbedingungen für die Förderung der „digitalen Boheme“ schaffen? Wie können wir trotz aller Technikeuphorie einen Weg finden, dass Technologie weiterhin dem Menschen dient – und nicht umgekehrt?

Wie würden Sie erstens den realen Ist- und zweitens den idealen Soll-Zustand der Republik – die „nächste Gesellschaft“ – beschreiben?

Auch wenn ich kein großer Fußballfan bin -  wir sind immer noch im WM-Jahr. Reduzieren wir daher zunächst einmal die Komplexität und stellen uns die Gesellschaft der Republik als einen großen Fußballverein vor, die Regierung schlüpft dabei in die Trainerrolle.

Ist-Zustand: Was für einen Fußball spielen wir?

  • Unser Verein richtet sich ganz nach den Fakten: es geht um Torbilanzen, Spieler-Gehälter, Anzahl der Fouls, eingeworbenes Sponsorenkapital, Umsatz pro Fan etc.
  • Das an sich einfache Spielprinzip des Fußballs haben unsere Trainer mit einem derart komplexen Regelsystem erweitert, dass die meisten Spieler die Hintergründe und das Zusammenspiel der Regeln nicht verstehen und deshalb auch keine Initiative ergreifen, diese zu ändern.
  • Die Spielweise in der 1. Mannschaft setzt den Ton für alle anderen Mannschaften. Und dieser lautet klar: Wir müssen Ergebnisfußball spielen, um nicht abzusteigen.
  • Da sich der ganze Verein auf das Tore schießen konzentriert, gerät in Vergessenheit, dass auch ein Rasen gepflegt und Kreidelinien gezogen werden wollen. Dies spiegelt sich auch darin wieder, wem welcher (finanzieller) Verdienst zugeschrieben wird.
  • In die erste Mannschaft gelangt man oft nicht durch besonderes spielerisches Können oder herausragenden Teamgeist, sondern über Familienzugehörigkeiten, Beziehungspflege und Ellenbogenfußball.
  • Grobe Fouls werden öffentlich geächtet, kleinere Fouls hingegen auf allen Ebenen eingesetzt und toleriert.

Soll-Zustand: Was für einen Fußball könnten wir spielen?

  • Wenn wir die Neugierde aller Vereinsmitglieder besser nutzen, können auch ‚triviale‘ Tätigkeiten wie das Ziehen von Kreidelinien gemeinschaftlicher verteilt werden
  • Wir schaffen ein System, in dem sich die Vereinsspieler auch eine bezahlte Auszeit nehmen können, um Spielzüge langfristiger und strategischer vorzubereiten
  • Wir kaufen nicht nur die Spieler aus verschiedenen Vereinen und Ländern ein – wir machen das Konzept der Diversity zu unserem Erfolgsrezept und punkten mit einem dynamisch anpassbaren Mix verschiedener Spielstrategien und -weisen
  • Unserem Verein kann man auch beitreten, wenn man die Vereinskultur teilt, einen substantiellen Beitrag leistet und trotzdem lokal für einen anderen Verein spielt.
  • Auch in unserem Verein gibt es noch immer eine 1. Mannschaft, die mit einer vorbildlichen und extrem engagierten Spielweise führt und alle Mannschaften motiviert. Wir haben allerdings eine stark gelebte Coaching Kultur. Die 1. Mannschaft übernimmt dabei nicht nur Verantwortung für den eigenen Erfolg, sondern trainiert auch noch die Spielweise der anderen Mannschaften um das Gesamtniveau zu heben.
  • Hauptaugenmerk liegt für den Trainer nicht auf der Torbilanz des Vereins, sondern auf der individuellen Zufriedenheitsskala der Spieler. Glückliche Spieler spielen länger, motivierter und auf lange Sicht auch erfolgreicher.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit eine Gesellschaft, wie Sie sie gerade skizziert haben, möglich wird?

Hierzu gibt es nicht den einen Hebel. Wir müssen selbst unsere eigenen Rahmenbedingungen ändern, damit wir die Kraft zur Veränderung entfalten. Den Anfang könnten bilden:

  • (Massen)medien, die sich trauen, Mut-machende Projekte und Personen zu featuren (à la TED)
  • Bessere Incentivierungen für soziales, ökologisches und kulturelles Engagement (z.B. eine soziale Variante eines Payback-Bonus Systems)
  • neue Logiken an der Börse und im Investmentbereich: Zusätzlich zu den finanziellen Zahlen müssen auch Entwicklungskurven aus der Unternehmenskultur gemessen und abgebildet werden um holistischere Bewertungen und nachhaltiges Investieren zu fördern. Gemeint sind Faktoren wie MA-Zufriedenheit, MA-Fluktuation, Talentförderung, Engagement im Sozial/Bildungs/Umwelt/Kultur/Sport-Bereich
  • Gedankliche und physische Räume, um unsere spielerische Natur auch im Arbeitsumfeld auszuleben: für mehr Kreativität, Ausgeglichenheit und zur Aufrechterhaltung unserer angeborenen menschlichen Neugierde
  • Bewusster Einsatz von mehr interdisziplinären, interkulturellen und intergenerationellen Begegnungen an Bildungseinrichtungen und in Unternehmen, um unseren Toleranz-Faktor zu erhöhen
  • Testen alternativer Währungssystem (z.B. das Konzept der Zeitbanken) in größeren Ökosystem
  • Plattformen für einen gesellschaftsfähigeren und humorvollen Umgang mit dem Scheitern – es geht darum Lernerfahrungen zu teilen und Menschen zu mutige(re)n Unternehmungen zu bekräftigen

Wie könnten Sie sich aus Ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrung heraus an den aus Ihrer Sicht notwendigen Veränderungen beteiligen?

Die letzten 10 Jahre bin ich schon bemüht, mir meine Neugierde zu bewahren und bestehende Denk- und Handlungsmuster in den verschiedensten Bereichen zu hinterfragen. Und so habe ich hier schon auf vielen Gebieten Lernerfahrungen sammeln dürfen, die ich probiere mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Dazu zählen:

  • Wie kann ich unternehmerisches Denken, Kulturförderung und Entwicklungshilfe in Einklang bringen?
  • Wie kann ich emotional getriebene Investments in kreative Keimzellen gestalten und fördern?
  • Wie kann ich Umgebungen gestalten, in denen intrinsisch-motiviertes, spielerisches, kreatives, aber auch oder gerade deshalb hoch-effektives Arbeiten möglich ist?

Mit dem gemeinnützigen Projekt Palomar5 e.V. haben wir in 2009 in Deutschland ein medial gut funktionierendes Beispiel geschaffen, wie man gemeinsam mit Unternehmen Innovation und Arbeit neu denken kann.

Mit der aus Palomar5 gerade frisch entstandenen Unternehmung „until we see new land“ bin ich weiterhin getrieben, intensive, mehrwöchige Formate zu designen und zu moderieren, die Individuen, Organisationen und Institutionen aus ihrer gedanklichen Komfortzone holen und gleichzeitig eine geschützte Umgebung zum Um- und Andersdenken bieten. Wir wollen dabei die junge Generation motivieren, in Partnerschaft und im Austausch mit Unternehmen zu gesellschaftlich großen Themen mutige Visionen zu spinnen und gleichzeitig schnell umsetzbare Ideen prototypisch zu entwickeln. Themen, die uns dabei treiben sind z.B. „die Zukunft der Währungen“, „die Zukunft des Spielens“ und „die Zukunft der kreativen Industrie“. Langfristig möchte ich mich dafür einsetzen, dass in unserer Gesellschaft permanente Räume zum Umdenken entstehen, die von den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen genutzt und gestaltet werden. Anfangen wollen wir hier mit dem Bau eines „Haus des Umdenkens“ – und das mitten in der Kreativmetropole Berlin.

Comments
  • michael
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    Das “Denken an Morgen” hat mein Denken heute morgen sehr inspiriert. Ich freue mich auf ein baldiges Wiedertreffen … Michael

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